1991 bis heute – Bundesrepublik Deutschland

1991 Am 23. November wurde in der Generalversammlung, mit der erforderlichen Mehrheit, rückwirkend zum ersten September, die Umwandlung der LPG „Ernst Thälmann“ in die Agrargenossenschaft Forberge e.G. beschlossen. Aus den Bauern wurden nun gerichtlich registrierte Genossen. Jedem der eingetragenen Genossen wurden Geschäftsanteile gutgeschrieben. Basis für die Zuordnung war die Personifizierung des Eigenkapitals zum Zeitpunkt der Gründung lt. Landwirtschaftsanpassungsgesetz vom 3. Juli 1991. Ab Geschäftsjahr 1992 wurden, je nach Ertragslage, auf die Geschäftsanteile Dividenden gutgeschrieben. Das galt auch noch nach erfolgter Kündigung der Mitgliedschaft, bis zur Auszahlung des gesamten eingebrachten und bewerteten Inventarbeitrages. Das konnte sich aber über Jahre hinziehen. Im gleichen Jahr gründete sich auch die „Theinert u. Rienecker GbR“ in Unterreußen.

In einer unspektakulären, fast geräuschlosen Aktion brachte die Deutsche Telekom jedem Dorfbewohner einen Telefonanschluss. Eine Gruppe großer starker Männer schachtete mit Greiferspaten alle 50 m Löcher am Straßenrand, in die am nächsten Tag, fast genauso unbemerkt, Holzmasten versenkt wurden. Klettereisen und Flaschenzüge waren das Werkzeug der Kolonne für das Aufhängen der Leitungen. Nach etwa einer Woche hatte jeder seinen gewünschten Anschluss im Haus. Einige Zeit später traute sich schon mancher mit einem Computer ins Internet zu gehen. Man brauchte aber, mit den damals verfügbaren Modems, noch sehr viel Zeit dazu.

1992 Die sowjetische Armee, wie auch die Garnison in Riesa, bereiteten ihren Abzug vor. Ihre Offiziere schwärmten aus, um möglichst viel technische Geräte und andere Sachen mit in die Heimat nehmen zu können. Kühltruhen, Kühlschränke, Waschmaschinen, PKWs, Kaffeemaschinen, Fernsehgeräte und vieles mehr sind auch in Reußen abgekauft worden. Einer der Offiziere hatte wohl geglaubt den Abzug im Untergrund aussitzen zu können. Es dauert nur einen Tag. Ein russischer LKW, beladen mit einem Tank, rollte morgens über die Teichwiese Richtung Waldrand. Am Abend konnte man dort, gut getarnt an der oberen Ecke des Schwemmteichwaldes den eingegrabenen Tank mit Einstiegsöffnung sehen- allerdings ohne Besatzung.

Eingegrabener Tank, noch heute vorhanden

2002 Jedem ist noch das Jahrhunderthochwasser im August in Erinnerung. Hohe Wasserstände waren vor dem Bau der Tschechischen Staustufen nichts Ungewöhnliches. Gröbaer Kinder badeten gern im Uferbereich zwischen den Weiden. Auch der auf Böcken angelegte Weg auf der Kirchstraße im Frühjahr und manchmal im August war kein seltener Anblick. Einen vergleichbar hohen Wasserstand von 9,46 m über Normal hat es aber nur Jahrhunderte vorher gegeben.

Blick über Altoppitzsch vom Reußner Berg 2002

Wenn das jährliche Hochwasser über 3 Wochen anhielt, standen viele Scheunenkeller in Reußen unter Wasser. Durch das aufsteigende „Grundwasser“ konnte das vom Berg kommende nicht abfließen und aus dem Eselteich wurde ein „Eselsee“. 2002 ertrank auch der Gartenbauunternehmer Andreas Richter aus Oppitzsch bei dem Versuch, mit seinem Radlader nach Altoppitzsch zu fahren, um zu helfen. Er fuhr in ein Loch der unterspülten Straße in Höhe der alten Ziegelei und ertrank in der Kabine seines Laders.

2003 Am 3. Februar war „Land unter“ bei Fam. Reinsch in Unterreußen. Plötzlich einsetzendes Tauwetter mit starken Regenfällen waren die Ursache. Die Felder oberhalb von Reußen am Berg waren noch gefroren und konnten das Wasser nicht halten. Es lief durch den Hof und in den Scheunenkeller und bis über die Straße. Die Feuerwehr hatte mehrere Stunden mit Abpumpen verbracht. Hier konnte man sehen wie wichtig schon früher ein funktionierendes Grabensystem war. Die Pflege des Grabens oberhalb der Häuser war vernachlässigt worden.

2005 Der Dorfplatz wurde neugestaltet. Er erhielt eine Bordsteinkante und es wurden Einläufe in die vorhandene Schleuse eingebunden. Anschließend wurde noch eine Schwarzdecke aufgetragen. Mit diesem weiteren Auftrag an Material fielen einige Grundstücke, wie die alten Höfe nochmals unter das ursprüngliche Straßenniveau. Der Platz mit dem Denkmal selbst ging in die Pflege der Stadt über.

Sendung Strehla TV – Wanda Henker freut sich über den schönen Dorfplatz

2006 Ein Förderprogramm des Bundes wurde zur Stärkung der Infrastruktur des ländlichen Raumes aufgesetzt. Wasser und Abwasserprojekte sollten gefördert werden. Strehla hatte für seine Gemeinden diese Gelder beantragt und schon Termine bekanntgegeben, an denen mit dem Bau einer neuen Abwasserleitung begonnen werden sollte. Der geplante Baubeginn verging, ohne dass dazu eine Information der Bürger erfolgte.

2010 am 24. Mai, einem Pfingstmontag, gegen 15.00 Uhr verdunkelt sich bedrohlich der Himmel nördlich von Reußen und ein starker Sturm kam auf. Ein Tornado fegt von der Dahlener Heide über Belgern, Staritz und Großenhain Richtung Sächsische Schweiz und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Von Reußen aus konnte man nur ahnen was sich 15 km nördlich abspielte.

2013 Das dritte Hochwasser der Elbe in Folge erreicht mit 9,26 m über Normal fast den Stand von 2002. Man war aber schon besser darauf vorbereitet.

Beim Abwasserprojekt hatte sich außer dem Anschluss der Elbseite in Oppitzsch, in keinem Ortsteil etwas getan, da das Förderprogramm schon 2012 wieder zurückgezogen wurde. Ausgerechnet ein Flyer der NPD brachte diese Mitteilung ins Dorf. Auf Nachfrage hatte man schließlich eine Einwohnerversammlung angesetzt, die endlich Klarheit brachte. Auf Grund der fehlenden Gelder sollte nun jeder Grundstückseigner eine biologische Kleinkläranlage errichten und die Abwässer versickern. Es wurde auch ein Gutachten über die Versickerungsfähigkeit in Auftrag gegeben. 2006 wurde einer solchen Anfrage noch grundsätzlich widersprochen. Wenn eine Versickerung nicht möglich ist sollte eine Sammelgrube lt. gesetzliche Vorgabe bis Ende 2014 errichtet werden. Das Einleiten von Abwässern in die vorhandene Schleuse wurde nicht mehr gestattet, da auch für eine Sanierung kein Geld bereitgestellt werden konnte. Erklärend für Unterreußen muss noch gesagt werden, dass seit Ende der 70iger Jahre Abwasserbeiträge in geringerer Höhe wie in Strehla erhoben wurden. Ein Abwasser, das aber nie eine Entsorgungsanlage gesehen hat, auch nicht nach 1990. Die Kosten für Investitionen und Entsorgung wären für die Reußner um ein Mehrfaches höher als die Summe der Abwassergebühr in Strehla. Der Schock saß erst einmal tief und der Bürgermeister musste sich schon ein paar grobe Worte anhören. Nach kurzer Zeit hatte sich jeder schon einmal durchgerechnet, was an Investitionen und Folgekosten auf sein Grundstück zukommen könnte. Es wurde eine Bürgerinitiative der Dörfer Unterreußen, Paußnitz und Görzig gegründet. Mit viel Engagement und Einfallsreichtum galt es, unter Leitung von Herrn Güldner, Alternativen zur Umsetzung des 2006 beschlossenen Abwasserkonzeptes zu finden. Es wurden verschiedene Varianten der Anschlussmöglichkeiten berechnet und in Reußen war auch schon ein Teil der Einwohner bereit, sich an einer günstigen Variante finanziell zu beteiligen. Die Emotionen in den Dörfern über die Kosten kochten hoch. Ein bildlicher Ausdruck des Unmutes der „Dörfler“ war eine Demonstration vor dem Rathaus auf dem Marktplatz, die Strehla so noch nicht gesehen hatte. Der Bürgerinitiative, und vor allem Herrn Güldner, wurde sogar Strafverfolgung durch den amtierenden Bürgermeister angedroht. Leider hat Herr Güldner nicht mehr erleben können wie seine Bemühungen letztendlich Erfolg hatten, er verstarb kurz vorher.

2015 Die Frist für die Errichtung der Kläranlagen war abgelaufen und man harrte der Dinge die da kommen würden. Für Mitte des Jahres stand die Bürgermeisterwahl in Strehla an. Letztendlich unter dem Druck der Bevölkerung, der Bürgerinitiative, den Freien Wählern und dem Abwasserzweckverband stimmte der damalige CDU-Bürgermeister zu, die Gelder im laufenden Haushaltsplan durch Kreditaufnahme bereitzustellen. Man erinnerte sich offenbar, dass die Stadt als Gesellschafter der kommunalen Zweckverbände auch eine Verantwortung gegenüber ihren Bürgern hat. Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung brachte zusätzlichen Unmut. Plötzlich wurden Gelder in Größenordnungen nach dem Gießkannenprinzip verteilt und für Unterbringung, Versorgung und Eingliederung von Flüchtlingen ausgegeben. Auf der anderen Seite war kein Geld für einen Abwasserkanal da, der ja zum heutigen Standard einer Gemeinde gehören sollte, so die Meinung des Bürgermeisters 2006. Für die Erneuerung und den Unterhalt wurden aber schon Jahrzehnte lang Gebühren abgeführt. Die Bürgermeisterwahl im Juni spiegelte dann auch den Unmut über die Politik der Stadt wider und bracht nach 25 Jahren das „Aus“ für die CDU in Strehla als stärkste kommunale Kraft. Die Freien Wähler konnten den Bürgermeister stellen und es wurde auch zügig mit dem Bau des Abwasseranschlusses von Unterreußen begonnen. Für unseren Ort waren die geringsten Investitionen nötig. Mit dieser Wahl konnte auch für Unterreußen, Oppitzsch, Forberge und Großrügeln ein Ortschaftsrat wie in Paußnitz als Interessenvertreter der Dörfer in den Stadtrat gewählt werden. Ein weiterer Vorteil war: Laut Bundesgesetz sind die Betreiber von Versorgungsbetrieben verpflichtet, bei größeren Arbeiten im öffentlichen Bereich, wie grundhafter Straßenausbau, ihre Versorgungsanlagen zu überprüfen, ggf. auszuwechseln oder neu zu verlegen. So geschehen auch durch die Wasserversorgung, die immer mehr Probleme mit der über 30 Jahren alten Wasserleitung ohne Absperrventile auf den Privatgrundstücken hatte. Damit war auch das Problem der „Bedingten Dienstbarkeit“ vom Tisch.

2016 Ganz Reußen, Ober- und Unterreußen, feierte in einem zünftigen Dorffest die Fertigstellung der Bauarbeiten der Wasser- und Abwasserleitung. Das Dorffest sollte und wurde zu einer Tradition, die das so dringende Zusammengehörigkeitsgefühl bewahrt. Man traf sich nicht nur zum Feiern sondern auch zum jährlichen „Subotnik“(Arbeitseinsatz, abgeleitet von russisch Subbota -der Samstag) zur Verschönerung des Dorfes. In nicht allzu ferner Zeit muss nun noch eine Lösung für die über 80-jährige Tageswasserschleuse gefunden werden. Selbst wenn alle Grundstücke ihre Oberflächenwässer versickern würden, bleibt immer noch das Problem der Entwässerung des Quellgebietes bzw. der Teiche und der Tageswässer der Straßen. Die Geschichte hat gezeigt, nach Sonne folgt Regen oder nach „Trockenen“ folgen auch wieder „Nasse“ Jahre. Es bleibt nur zu hoffen, dass die jetzt erhobenen Gebühren für die versiegelten- Flächen und Dachflächen auf den Grundstücken in Zukunft für diese Aufgabe Verwendung finden werden.

2018 am 18. und 19. Januar kommt Reußen im Sturmtief „Friedericke“ nicht ganz so glimpflich davon. Mit zahlreichen Schäden, vor allem bei älteren Dacheindeckungen, war besonders der ehemalige Gasthof betroffen.

2021 Ein historisches Novum in der Jahrhundertgeschichte von Reußen: Es wird mit dem Ausbau eines Glasfasernetzwerkes für schnelles Internet als erstes in Unterreußen begonnen. Der neue Abwasserkanal, die neue Wasserleitung und nun das schnelle Internet machen Reußen mit Sicherheit zu einem begehrten Wohnstandort.