14. und 15. Jahrhundert

1342 In Nähe des heutigen Eselteich bei Oppitzsch, dessen Namensursprung noch nicht geklärt werden konnte, sollte ein Dorf oder Anwesen mit Namen „Neser“ durch eine Elbe Flut um 1300 weggespült worden sein. Auf alten Karten wird auch der slawische Name „Oissel“ verwendet. Die Ansiedlung wird von Magister Hoffmann (4) zum Rittergut Oppitzsch (Opschitz oder Upschitz) von 1426 wie folgt beschrieben: „Dem Rittergute und den beiden Pferdnern gehört auch die Wüste Mark Neser“ (als Pferdner wurde in Sachsen auch der Bauer bezeichnet, Wüste Mark = verlassener Ort). Nach Kleber soll der Weiler Neßer am heutige Eselteich gestanden haben.

Bei dieser Flutkatastrophe könnte es sich um die historische „Magdalenen- Flut“ von 1342 handeln. Bis heute werden die zahlreichen Hochwasserereignisse damit verglichen. Ein großes Regengebiet mit sinnflutartigen Regenfällen um den 22.07., dem Tag der heiligen Magdalena, ließ fast alle großen Flüsse in Europa und auch die Elbe durch die Zuflüsse in die Oberelbe rasend schnell ansteigen. Die erreichten Pegelstände und Durchflussmengen richteten riesige Schäden an und forderten Menschenleben. Von Prag über Dresden, Meißen und Torgau wurden Brücken weggeschwemmt und Häuser samt Mensch und Tier mitgerissen. Im Gerichtsbuch Amt Oschatz 1578-1591 „Erbbuch“ und im „Repetorium Saxionicum“ wurde auch darüber berichtet. „Eine Wüstung an der Flur Oppitzsch gelegen, ist ein Wasserlauf von der Elbe ausgelaufen.“

Alle in der neueren Zeit erstellten Überflutungsbilder von Strehla und Riesa zeigen Hochwasserstände bis an die heutige B 182 bei ca. 94 m ü.NN. Da es zu dieser Zeit aber nur ein unbefestigter Weg war, wäre es durchaus möglich, dass in der Verlängerung der Senke auf der Elbeseite vom heutigen Neuoppitzsch diese Flut über den Eselteich der beschriebene Elbearm war. Die Senken vom Eselteich bis an Reußen waren die Folgen der vorletzten Eiszeiten und führten durch Ablagerungen organischen Materials zu Moor und Torfbildung. Damit könnte aber, nach heutiger geografischer Lage, Reußen auch näher am Überschwemmungsgebiet gelegen haben. Das Hochwasser 2002 hat ja deutlich gezeigt, welche Wege sich die Elbe sucht und welche Gewalten wirken können.

Nach einer Warmzeit ab dem 8.Jh. mit idealen Bedingungen für die Landwirtschaft folgten ab dem 14.Jh. eine Kaltzeit, die durch kalte Witterung und viele Niederschläge schwere Hungersnöte mit Millionen Todesopfern brachte. Über das Wetter vor der Magdalenen- Flut, Nässe oder Trockenheit, streiten die Gelehrten und Historiker heute noch. Über die Folgen ist man sich aber einig. Bodenerosionen, kalte und nasse Sommer führten zu Missernten, die wiederum zu Hungersnöten führten und anschließend Tod und Verderben durch die Pest brachten.

1344 Unsere Gegend wird von Räubern terrorisiert. Vermutlich von einem Raubritter angeführte Hasardeure hatten in einer Dorfschenke bei Belgern ihren Unterschlupf. Über unterirdische Gänge konnten sie unerkannt ins Umland zu ihren Raubzügen gelangen und ebenso wieder verschwinden. Nicht nur Händler auf den zahlreichen Handelsstraßen um Strelle sondern auch gelegentlich die Bauern wurden Opfer ihrer Überfälle.

1347 verwüstete eine Heuschreckenplage aus dem „Morgenland“ (6) unsere Gegend und bracht eine Hungersnot. Die abgestorbenen und verwesenden Heuschrecken führten zu Krankheiten, die wieder mit der Pest unter der Bevölkerungen zu großer Sterblichkeit führten.

1349 wanderten von Polen und Böhmen große Gruppen von „Geißlern“ auch über Meißen in Sachsen ein und haben möglicherweise wieder die Pest aus Südosteuropa eingeschleppt. Es war ein religiöses Massenphänomen dieser Zeit. Die Menschen zogen von Stadt zu Stadt und wollten durch ihre öffentliche Geißelung den Zorn Gottes besänftigen und damit die Pest von der jeweiligen Stadt abwenden (38).

1351 am zweiten Juli werden 25 Bürger der Diözese Meißen wegen vorenthaltenen Zinsen an die Vikare der Domkirche zu Meißen unter Androhung von Strafe zur Begleichung der Schuld verurteilt (12856). Unter diesen Bürgen war auch ein „Otto de Rysen (Reußen)“. An anderer Stelle wird auch ein „Otto de Rysen“ von Riesa beschrieben.

1388  Karl der IV schenkte König Wenzel von Böhmen Strehla, der einen Ritter Otto von Pflug für treue Dienste mit Burg und Stadt belehnte. Die Herren „Von Pflugk“ waren nun die Besitzer des Rittergutes. Es wurde unter ihrer Herrschaft in Strele-Görzig und Strele-Trebnitz geteilt und musste mit je 1 ½ Ritterpferden dienen. Sie hatten Privilegien aus ihrer Lehensherrschaft, wie die niedere Gerichtsbarkeit und die Vergabe von Rechten wie Brau-, Jagd-, Fischerei- und Bannrechte und die Vergabe von Lehen an die Bauern. Im 14. Jh. wurden das Rittertum mit der Einführung von Schusswaffen immer mehr durch Söldnerheere mit Bauern, Handwerkern und niederen Adligen als Landsknechte ersetzt. Es brachte daher nicht mehr die Einnahmen wie aus der Kombination mit den Ritterdiensten. So verarmte der niedere deutsche Adel immer mehr und presste die Bauern dafür umso mehr aus. Es war auch die Zeit des Raubrittertums, in der sich der verarmte Adel seine Rechte durch Wegelagerei einforderte. Ziele waren u.a. die vielbefahrenen Handelswege. Der Raub von Handelsgut galt bis zu einer gewissen Grenze als legitim. Wurden aber Grenzen durch Mord und übermäßige Raubzüge überschritten, schlossen sich die Städte gegen diese Raubritter zusammen und legten ihnen das mörderische Handwerk.

1389 Tyczman von Grünrode wird Besitzer von Reußen, vermutlich vom heutigen Unterreußen.


1400 „ist ein großer Winter gewesen/und haben die Wölfe enzelich viel Leute und Viehe zerrissen“(40)

1403 Dietrich von Scherin aus Oberreußen verkaufte am 04.Oktober wiederkäuflich dem Kloster Sankt Afra Meißen für 3 Schock Groschen und 36 Groschen Freiberger Münze den Bauern Nikolas Clawes aus Reußen. Es handelte sich um eine formelle Amtshandlung in der Dietrich von Scherin vermutliche seine Zinsschulden für Reußen an das Hochstift Meißen beglich (10001). Es war das große Glück, dass die Leibeigenschaft im Spätmittelalter kaum noch anzutreffen war. Es war die perfideste Art, Menschen wie Vieh und Land zu verkaufen, um Schulden zu begleichen oder an Reichtum zu gelangen. Die Legitimation der Feudalherrschaft beruhte ursprünglich aber auf dem Schutz der Bauernschaft. Statt die Bauernschaft vor Überfällen zu schützen, wurden sie immer mehr durch ihre Lehensherrn bedroht. Man unterschied Ausgang des Mittelalters noch zwischen „Freigeborenen“, „Freigelassenen“ und „Leibeigenen“ Untertanen (1). Die Freien (Freigeboren) dienten in den Kriegen als Fußvolk und waren Besitzer von Land. Die „Freigelassenen“ waren vorher Leibeigene, die durch Gunst ihrer Herren die „Freiheit“ erhielten. Eine weitere Unterscheidung war noch ansässige- und unansässige Untertanen. Zu den Ansässigen zählten die Ganzhüfner, die Pferdner oder Anspänner genannt wurden und die Frondienste in Form von Fuhrwerksleistungen und Abgaben erbringen mussten. Der Begriff Ganzhüfner war an keine bestimmte Maßeinheit gebunden, sondern richtete sich in der Größe nach der Qualität des Bodens. Dann gab es noch die Halb-, Viertel-, Sechstel- und Achtelhüfner als Kleinbauern oder Häusler. Als Unansässige bezeichnete man die Auszügler, meist im Altenteil befindliche Bauern, Zugezogene und Hausgenossen- auf den Bauernhöfen mitarbeitende Familienangehörige.

1413  am 5. August berichten die Chroniken von einem schweren Hochwasser zwischen Meißen und Mühlberg. (36,40)

1416  ein grimmiger langer kalter Winter hatte alle Mühlen eingefroren und die Leute mussten in der Not das Getreide stampfen um ihren Brei zu kochen. Auf diesen Winter folgten gewaltiges Hochwasser. (40) Das heutige Oberreußen gehörte einem „Albrecht von Oste“ der es 1484 an „Baltasar von Döben“ verkaufte. Der verkaufte es weiter an Gunter von Nischwitz, der daraufhin vom Leisniger Burggrafen mit dem Freigut Groben (Gröba) belehnt wurde (6). 1445 bestand Oberreußen aus dem Vorwerk und 5 Bauern.

1426 wird Oppitzsch (Upschütz) als Rittergut mit den ersten Besitzern Hanns und Konrad Storken der Genese von Gießlau und Upschütz nachgewiesenen. Der Ort wurde später auch Opschitz genannt. Die Besitzer hatten die Erbgerichtsbarkeit und später die Oberer Gerichtsbarkeit des Amtes Oschatz über 8 Feuerstellen, davon 2 Pferdner Gütern und 6 auf Rittergutsgrund gebaute Drescherhäuser mit gesamt 23 Menschen. Zum Rittergut gehörte auch der Weiler Neser.

Wie Kleinrügeln gehörte ein Teil von Opschütz mit 2 Hufengüter und 12 Menschen zu Kirche und Pfarrgericht von Strehla. In den Einkommenslisten wurden von Georg Horn und Paul Schulz 26 gr., von Thomas…… und Peter Koch je 5 gr. „Decem“ Abgaben erhoben.

1424 -1430 Die Region wird mehrmals von Hussiten heimgesucht. Jan Huß hat die missbräuchliche Bereicherung der Katholische Kirche an den Armen und deren ausschweifendes Leben öffentlich angeprangert, wurde dafür verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aus Rache wollten seine Anhänger unter den Tschechen nicht nur gegen die Papstkirche sondern auch gegen das Vordringen des Deutschtums in Böhmen vorgehen. Fast zwei Jahrzehnte dauerten die Auseinandersetzungen, erst in Böhmen und dann auch im Meißner Land. Ein Heer von 70 000 Hussiten vernichteten 1429 in beispielloser Grausamkeit Dörfer und Städte im Meißner Land. Umliegende Dörfer wurden geplündert, gebrandschatzt und wie Reußen zu 42 Wüstungen . Auch die Böhmischen Linie der Pflugks konnte die Brandschatzung Strehlas nicht verhindern. Mehr Verwüstungen dagegen wurden in Oschatz angerichtet. 1430 sollen insgesamt über 100 Städte und 1.400 Dörfer zerstört und verwüstet worden sein (3). In der Schlacht bei Aussig 1426 gegen die Hussiten starben 9.000 Sachsen und die Hälfte des sächsischen Adels. Erst 1434 gelang es Kurfürst Friedrich den II in einer Schlacht bei Büx die Hussiten zu schlagen. Doch schon 1446-1451 verwüstete der Bruderkrieg zwischen Friedrich den Sanftmütigen und Herzog Wilhelm, der sich der Hussitten Scharen bediente wieder Mügeln, Oschatz, Strehla und umliegende Dörfer. (8)

1456 In einem Rechtsstreit zwischen Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen und den Brüdern Pflugk ging es um Clitzschen bei Torgau, das wie die Dörfer Reußen, Großrügeln, Bocher(Pochra), Zaußwitz und Forwerg (Forberge) Wüstungen waren (6). Das 14. und 15 Jh. war die Hochzeit der verlassenen Siedlungen. Die Ursachen dafür waren regional sehr unterschiedlich. Missernten und Seuchen durch die ab dem 14. Jh. herrschende „kleine Eiszeit“ und die ständigen Kriegsereignisse dieser Zeit. Unsere Dörfer, damit auch Reußen, gehören nach Ruppel zu den durch Hussiten zerstörten 1400 Dörfern. Ob die Dörfer ab von 1429-1456 als Wüstung gelegen haben, dazu ist auch in den Strehlaer Chroniken nichts beschrieben. Das damalige Herrschaftsgeschlecht der von Grünrode als Besitzer war sicher interessiert, so schnell wie möglich das Dorf neu zu besiedeln, um Abgaben einziehen zu können. Auch die Besitzform und wann die Güter neu vergeben wurden, ist nicht ermittelbar. Auf Grund der doch großen Entfernung von Reußen und dem Teil der Großrügelner zum Rittergut Bornitz ist es denkbar, dass es sich um Frei- oder Zinsgüter gehandelt hat. (2)  Ziemlich sicher ist aber, dass es die Zeit der Neubesiedlung und des Wiederaufbaus durch deutsche Bauern war und die heutigen Gehöfte in der jetzigen Grundbausubstanz entstanden.

1465 am 11. Februar vergeben Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht von Sachsen Lehensbriefe für Dörfer in der Oschatzer Pflege an Heinrich und Hans von Gudelitz, unter anderem auch Dienste vom heutige Unterreußen. In der Mitte des Jahrhunderts zerfiel die Macht der Kirche innerlich und wurde mehr durch die Sucht nach Geld zur weltlichen Macht. Der Verkauf von Klöstern und der Ablasshandel führte zum totalen sittlichen Verfall. Der Höhepunkt war, das die Lebenden für das Seelenheil ihrer Toten Geld an die Kirche bezahlen sollten. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“.  Das brachte die ersten Reformer auf den Plan.(8)

1473 „War ein heißer, dürrer Sommer/ das fast alle Wasser und Brunnen ausgedrucknet/ dass das Wasser zutrincken keuffen müssen“. Gleich trockene Sommer folgten 1477, 1479, 1504, 1509, 1523. (36,40)

1474 Die Herrschaft der von Grünrode in Bornitz, besitzt neben den Dörfern Reußen und Rügeln auch die Hälfte des Werders Kucklitz, das ebenfalls Wüstung war. Dietrich von Grünrode kaufte 1386 das Gut Borna. Heinrich von Grünrode, einer der vielen Brüder, wurde 1465 von den Herzögen Ernst und Albrecht auch mit dem Rittergut Bornitz und dem „Rothen Vorwerk vor dem Brüderthore“ in Oschatz belehnt (3). Mit beteiligt waren auch seine sechs Brüder, die in dieser Zeit weitere Dörfer, wie Kleinragewitz, Lonnewitz, Schönnewitz, Zaußwitz, ein Teil von Pochra und Wadewitz, in ihren Besitz brachten. Nach Kleber (6) wurde Großrügeln zur Hälfte Besitz der Schloßherrschaft von Strehla durch Heirat einer Tochter der „von Grünrode“. mit einem „von Pflugk“. Durch Feldanteile von Reußner Bauern auf Oberreußener Flur könnte ein Besitzanteil der Pflugks an Reußen erklärt werden. Die Pflugks waren aber nie als Eigentümer in Reußen benannt worden. Es gab fast kein Herrenhaus, kein Dorf und kein Rittergut in unserer Gegend zwischen Oschatz und Riesa, was nicht in Beziehung zum Haus „Von Grünrode“ Borna und Bornitz stand. Durch Heirat, Erbe oder Verkauf ist ein großes familiäres Netzwerk entstanden. Es sind solche bekannten Namen, wie ein Fräulein von Nischwitz zu Grobe, Christof von Ragewitz, Innocentius Starschedel, Sara von Schleinitz, Anna Wilhelmina von Schönberg, Maria von Carlowitz bis hin zu Anna Eleonora aus dem Hause Wettin zu nennen. Besonders die Dynastie der Starschedel brachten fast alle Dörfer und Güter südlich der Döllnitz wie Stößitz, Stauchitz, Ragewitz, Canitz, Merzdorf u.v.m. in ihren Besitz.

1484-1691 Rittersitz und Vorwerk von Oberreußen waren die meiste Zeit im Besitz der Familie von Nischwitz zu Gröba. Erstmals wird damit der besondere Status der Teilung im Dorf klar.

1491 Zwei der drei Brüder, Christoph und Heinrich von Beschwitz, erwerben die Hälfte Rügeln, die Obergerichtsbarkeit, die Hals- und Handgerichte zur Hälfte im Dorf und Feld von denen von Grünrode. Der dritte Bruder, Balthasar von Beschwitz, wird kurzzeitig Besitzer von Reußen.

1492 wurden auf Drängen der Kirche Gesetze gegen das ausschweifende Leben der Adligen, Rittergutsbesitzer und Städter mit Besitz erlassen (6). Grund waren die enormen Silberfunde im Erzgebirge, die großen Reichtum brachten und dadurch Nahrungsmittel erheblich verteuert haben. Gleichzeitig wurden aber auch die Gesindelöhne erhöht. Diese Verschwendung wirkte im Auge der Kirche als höchst unsittlich. Es wurden verschiedene Verordnungen dazu per Gesetz erlassen: die Löhne der Bediensteten wurden festgelegt, es wurde bestimmt, was es am Morgen und Abend in der Familie zu Essen geben sollte. Die Schänken in den Städten durften nur 6 Tische und im Dorf nur 4 Tische aufstellen und bedienen. Keiner auf dem Land durfte mehr Bier brauen als er selber verbrauchte und in den Haushalten der Bauern durften keine seidenen Kleider getragen werden, ausgenommen die Brauthauben.