1945 bis 1949 Besatzungszeit

Ab Mai 1945 Antifaschisten versuchten mit Hilfe des Stadtkommandanten der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland- Militärverwaltung) in Strehla wieder Ordnung und Sicherheit herzustellen, damit die vielen auf Befehl geflüchteten Einwohner zurückkehren können. In Strehla und den umliegenden Ortschaften wurden Bürgermeister eingesetzt, die den kommunistischen oder sozialdemokratischen Parteien angehörten oder nahestanden. Wichtigste Aufgabe war die Versorgung der Bevölkerung, der Soldaten und der jetzt zurückströmenden Ostarbeiter sicherzustellen.

Ganz so harmonisch, wie die Beziehung zwischen den Antifaschisten und der Kommandantur, war die Beziehung beim größten Teil der Bevölkerung in Stadt und Land natürlich nicht. Was nicht verwundert, hatte die Propaganda über die Gräueltaten der Russen ganze Arbeit geleistet. Die Verbrechen der Deutschen wurden erst viel später nach dem Krieg bekannt. Verständlich dadurch waren teilweise auch die Emotionen der russischen Soldaten. Diese Tragik wird auch in vielen Erlebnisberichten von Zeitzeugen aus Reußen beschrieben.

Es wurde erzählt, dass kurz nach Kriegsende eine große Herde Pferde von Sowjetsoldaten durchs Dorf getrieben wurden. Die Soldaten beschlagnahmten die Tiere auch vieler Reußner Bauern. Wie viele Reußner Höfe betroffen waren, ist nicht bekannt. In der Familie Henker wurde bei Familientreffen oft erzählt, dass es nur dem Mut der Bäuerin zu verdanken war, dass ihr sturer Mann, der seine Pferde nicht hergeben wollte, nicht standrechtlich erschossen wurde.

Ähnliches passierte auch dem Bauern Beger, nach Erzählungen seiner Tochter Frau Theinert. Er war im Besitz eines PKW-Opel. Das Auto wurde beschlagnahmt und sollte fahrbereit gemacht werden. Das Fahrzeug musste aber schon Anfang des Krieges aufgebockt und die Batterie für die Wehrmacht abgegeben werden. Erklärungsversuche, dass es nicht möglich wäre, scheiterten an der Sprache. Nur einem auf dem Hof beschäftigten kriegsgefangenen Ukrainer, der die Lage seinen Landsleuten erklären konnte, war es zu verdanken, dass der Bauer nicht erschossen wurde.

Auch Frau Trapp berichtete von Begegnungen mit Soldaten aus ihrem Heimatdorf Kobeln, an die sie sich nur ungern erinnert. Herr Trapp beschrieb in seiner Chronik einige Vorfälle im Dorf, die er als 11jähriger Junge erlebte: „Bei A. Trapp war ein bequemer Zugang zum Schweinestall. Dort verschwand ein Schwein nach dem anderen. Als die Diebe bei ihren Raubzügen gestört wurden, warfen sie eine Handgranate auf den Hof. Glücklicherweise explodierte die in der Jauchegrube. Bis auf die braunen Verfärbungen waren keine Schäden aufgetreten.

Ein riskanter Zwischenfall geschah bei Pinkerts (Nr.2). Am helllichten Tag wurden Birnen vom Baum gestohlen. Laute Hilferufe hallten durchs Dorf. Einige beherzte Männer eilten hinzu. Weil die polnischen Ostarbeiter nicht so schnell vom Baum herunter waren, wurden sie gefasst. Man war mit ihnen bis zur Milchrampe gekommen als ein Motorrad erschien und deren Besatzung mit vorgehaltener Pistole die Freiheit der Diebe forderte. Die Bauern waren machtlos. Um weiterer Verfolgung zu entgehen, versteckten sie sich in den Getreidepuppen auf den Feldern und das war ihre Rettung“. Wie sich die Geschichte über die Jahrhunderte doch gleicht.

Während Strehla von der wichtigen Handelsroute in Friedenszeiten oft profitieren konnte brachte diese Route in Kriegszeiten durch durchziehende Truppen erhebliche Einbußen und Schäden für die Bevölkerung. Was die Versorgung der Stadt, der Truppen und der zurückströmenden Ostarbeiter betraf, hatte man in der Kommandantur und der Stadt Strehla erkannt, dass die Versorgung der Bevölkerung nicht möglich ist, wenn den Bauern ihr wichtigstes Arbeitsmittel, die Pferde, genommen wurde. Die wenigsten hatten noch Ochsen im Stall, die noch als Zugtiere eingesetzt werden konnten. Kurze Zeit später hatten die kleineren Bauern nicht ihre, aber wieder Pferde zurück. Es gab ja weder Zugtiere noch anderes Vieh zu kaufen und Traktoren konnten sich nur die großen Bauern leisten. Vermutet wird, dass die besseren Pferde aus der Requirierung für die russische Armee aussortiert und der restliche Teil wieder über die Bürgermeister an die Bauernhöfe und Neubauern verteilt wurden. Einige der Bauern waren noch in Gefangenschaft. Die Kriegsgefangenen wurden ja abgezogen, der Viehbestand war durch Beschlagnahme und Diebstahl dezimiert und die Stadtbevölkerung war in den Dörfern unterwegs, um Essbares zu tauschen. Einige Bauern sollen dabei sehr gute Geschäfte gemacht haben. Ein riesiges Heer an Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ist nicht nur in Städten untergekommen, sondern auch auf dem Dorf. Genauso groß war aber auch der Zug der ehemaligen deportierten Ostarbeiter in die Gegenrichtung, die auf ihrem Rückweg durch Strehla „verständlicher Weise“ plündernd alles Brauchbare und vor allem Essbare mitnahmen. Die in Reußen untergekommenen deutschen Flüchtlinge waren Fluch und Segen für die ansässigen Bauern zugleich. Die Einwohnerzahl stieg auf 157. Sie mussten untergebracht und verpflegt werden, waren aber gleichzeitig willkommene Arbeitskräfte vom Frühjahr bis zur Ernte. Im Winter mussten viele sich selbst um Arbeit kümmern, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Flüchtlinge aus Forberge, die mit ihren Familien zuvor auf einem Bauernhof in Quersa unterkamen berichteten, dass sie im Winter jeden 2. Tag mit dem Pferdefuhrwerk 4.00 Uhr nach Plessa fuhren um Kohlen zu laden. Die mussten nach Großenhain gebracht und verteilt werden. Der Tag endete damit oft erst 20 Uhr. In jedem Haushalt waren Flüchtlinge einquartiert. Kaum denkbar, dass im kleinen Gemeindehaus am Teich zwei Familien mit Kindern untergebracht waren. Man muss sich vorstellen, dass rechts und links je zwei Zimmer übereinander von je neun bis zwölf Quadratmeter bestehen. Die oberen Dachkammern waren über eine Treppe erreichbar, unter der eine „Küche“, besser eine Feuerstelle, eingerichtet war. Für die zwei Familien im anderen Gemeindehaus war es schon etwas komfortabler. Mehr Platz hatte dagegen eine junge Ungarin in der Freibank (zwei Räume in denen notgeschlachtetes Vieh zum Weiterverkauf aufgearbeitet wurde) im Seitengebäude des Henker`schen Gutes. Je ein Raum 12 m² mit Feuerstelle und 6 m². Die Einwohnerzahl erreichte mit den Flüchtlingen 1950 einen nie dagewesen Höchststand von 160. Die ersten Bürgermeister wurden von der SMAD eingesetzt und hatten alle Befehle und Anweisungen durchzusetzen. Für die Dorfbürgermeister war das die Sicherung des Abgabesolls. Schon in den ersten Monaten nach dem Krieg wurde die Demontagen von Industrieanlagen und der Gleise der Chemnitzer Bahnstrecke befohlen.

Es waren überwiegend junge Frauen und Mädchen aus der Stadt, die dazu herangezogen wurden. Die Güter, Betriebe, Liegenschaften und Einrichtungen der Nazis wurden von der SMAD unter Zwangsverwaltung gestellt und das Land verteilt. Nach zahlreichen Befehlen der Besatzungsmacht wurde das beschlagnahmte Eigentum am 31. Mai 1946 in die Selbstverwaltung des Landes und der Provinzen Sachsen überführt und durch den großen Volksentscheid vom 30. Juni 1946 in rechtliche Grundlagen überführt. Mit größter Anstrengung durch das russische Militär und den örtlichen Behörden wurde die Entnazifizierungswelle nun auf die breite Bevölkerung ausgeweitet. Denunziationen für erlittene oder eingebildete Ungerechtigkeiten während des Nationalsozialismus hatten jetzt Hochkonjunktur. Dazu kam noch, dass einige unverbesserliche Jungen aus Volkssturm und Hitlerjugend meinten, ihren Widerstand fortführen zu müssen. Alle, die sich in irgendeiner Form den Weisungen widersetzen oder sabotieren, wanderten unweigerlich in die jetzt leeren, ehemaligen Kriegsgefangenenlager, sogenannte Speziallager, wie Lager Nr.1. Mühlberg. Vom September 1945 bis Oktober 1948 waren hier 21.835 Inhaftierte, von denen über 7.000 verstarben. Allein von Berlin bis Bautzen gab es zehn dieser Lager. Auch ehemalige sowjetische Kriegsgefangene waren hier wegen Kollaboration mit dem Feind eingesperrt. Als deutschfreundlich und Verrat galt auch die Arbeit auf einem Bauernhof. Wer aus diesen Lagern zum Prozess nach Russland verbracht wurde, für den stand das Todesurteil oder langjährige Lagerhaft schon fest. Die Hinrichtungen wurden meist in Moskau vollstreckt. Diese Seite der Nachkriegszeit wird auch heute noch ungern publiziert. Die Bodenreform hatte begonnen und die Neubauern erhielten ihre Landurkunde. Die vielen Flüchtlingsfamilien in Forberge profitierten als erste davon. Neben Feldanteilen wurden auch ca. 40 Waldparzellen im Bornholz, dem Waldstück oberhalb der Straße nach Forberge in Richtung des Bergs, vergeben. Es wurde später zum Vogel- Naturschutzgebiet erklärt. In Unterreußen, so nach Erzählungen der Bauern, war die Bodenreform kein Thema. Es war zumindest nie die Rede davon bei Treffen im Dorf. Nach einem trockenen Sommer folgte ein sehr kalter Winter, in dem große Teile des Bornholzes verfeuert wurden. Dieser Winter ging, bedingt durch die vorangegangene Trockenheit, als Hungerwinter in die neuere Geschichte ein. Für die Bevölkerung wurden schon 1945 Lebensmittelkarten und Bezugsscheine ausgestellt. Bis 1948 gab es pro Person 1.500 kcal/Tag. Das waren drei Kartoffeln, drei Scheiben Brot, ein Esslöffel Nährmittel, zehn Gramm Fett und etwas Malzkaffee. Zusätzlich pro Monat 200 Gramm Fleisch, 500 Gramm Mehl und 500 Gramm Zucker. Als Schwerarbeiter eingestuft, erhielt man 1.000 kcal/Tag mehr. Der Schwarzmarkt hatte Hochkonjunktur. Ein 2kg Brot kostete 60-100 RM (Reichsmark), 250gr Butter 150 RM, 50kg Kartoffeln 500 RM, 50 kg Weizen oder Roggen zwischen 1200 und 1500 RM, um nur einige Preise zu nennen. Die Lebensmittelkarten gab es natürlich nicht für die Bauern mit eigener Wirtschaft, die nun vereinzelt aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen waren. Landarbeiter und Neubauern in Gründung waren ausgenommen. Die Großbauern, die nicht vor den Russen geflohen waren, wurden nach dem Motto „Junkerland in Bauernhand“ nach und nach enteignet. Aber auch alle kleineren Bauern hatten mit ständig steigenden Abgabeforderungen zu kämpfen. Da war natürlich der Einfallsreichtum gefordert, um etwas für den Eigenverbrauch und Verkauf abzuzweigen. Bei Nichterfüllung des Abgabesolls drohte u.a. das Hausschlachtverbot.

1947 In Folge der Trockenheit ruhte die Schifffahrt 3 Monate und die Elbe war im Winter vom Oberlauf bis Hamburg zugefroren. Den Kälte- und Hungerwinter hatte man leidlich überstanden, weil die Abgaben der Mindestrationen auf die Lebensmittelmarken nur durch Beschlagnahme von Ernte und Vieh möglich wurden. Betriebe und Schulen mussten wegen Mangel an Kohle schließen und gegen die Überfälle auf die Kohlezüge hatte man keine Handhabe. Im März erklärt die SMAD ihre Entnazifizierung für abgeschlossen und übergab sie in die Verantwortung der deutschen Behörden. Auch wurde die Demontage der Industrie und Infrastruktur für beendet erklärt. Der Wiederaufbau konnte beginnen.

Der Gasthof Unterreußen erreicht trotz Mangel noch einmal eine Blütezeit.

Die Tochter von Georg Benthin, verheiratete Dora Hübenbecker, übernahm den Gasthof nach dem Tod ihres  Vaters. Es wurde wieder getanzt auf dem Saal in Reußen und mancher Flirt zwischen den Flüchtlingen und den Reußnern wurde zur festen Beziehung und half den Einwohnerbestand zu sichern. Zur lebenden Legende wurde Dora viele Jahre später durch ihre Gallertschüsseln (Fleisch aus dem Schweinekopf in Aspik). Bis ins hohe Alter fuhr Dora mit dem Fahrrad in die Flei-Wa, den Schlachthof Riesa (heute Gebiet Penny Robert- Koch-Straße), um das Fleisch und die Zutaten dafür zu kaufen. In der Gaststube konnte es zu fortgeschrittener Zeit auch vorkommen, dass Stammgäste zur Selbstbedienung mit Kasse des Vertrauens übergehen mussten. Die Wirtin war über ihren Handarbeiten (Stopfen oder Stricken) hinter der Theke eingeschlafen. Der Getränkeverkauf außer Haus lief ausschließlich über den Gasthof, auch noch nach Eröffnung des Konsums in den 1960iger Jahren in Reußen. Viele der Älteren werden sich noch daran erinnern, wer nicht am selben Tag der Lieferung seinen Bedarf für die nächste Woche gedeckt hatte, musste nehmen was übriggeblieben war. Dazu kam, dass das Bier nur im Winter eine Woche genießbar war. „Meißner Flockenwirbel“, schaumgebremst-naturtrüb, wurde als Name zum Markenzeichen. Später stieg auch Sohn Hans mit Frau im Nebenerwerb in den Gasthof ein. Im Jahre 2000 schloss der Gasthof. 

1948 war ein Jahr der großen politischen Entscheidungen, in dem man die Teilung Deutschlands im Hintergrund vorbereitete. Aus der SMAD wurde eine „Kontrollbehörde der SBZ- sowjetisch besetzten Zone“. Im Januar kam es zur Enteignung aller Banken in der SBZ und schon im Juni wurde unter der Kontrolle der Alliierten die „Deutsche Mark der deutschen Notenbank“ eingeführt. Bereits vier Tage später führte man die DM im Westen ein. Im April wurde die „Vereinigung der Volkseigenen Betriebe“ (VVB) und die ersten MAS „Maschinen- Ausleihstationen“ nach sowjetischem Muster für die Neubauern gegründet. Auch die Handelsorganisation HO wurde gegründet um den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Die Preise waren aber so hoch, dass der Normalverdiener es sich nicht leisten konnte dort zu kaufen.